Gott, Religion und die Suche nach Erkenntnis

Auf der Suche nach Erkenntnis: Spiritualität statt Religion?

Die großen christlichen Religionsgemeinschaften befinden sich in Deutschland in der Krise. Sie beklagen seit den 1970er Jahren einen kontinuierlichen Mitgliederschwund. Kirchenmitglieder, die überwiegend ohne persönliches Zutun in eine Glaubensgemeinschaft „hineingeboren“ wurden, haben häufig den inneren Zugang zu den Botschaften und Normen ihrer angestammten Religion verloren.
Die Suche nach dem Sinn des Lebens geht jedoch für jeden Menschen ganz unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Glaubensgemeinschaft weiter. Innerhalb einer von „Rationalität“ und nicht selten ausuferndem Konsum geprägten, rastlosen „Leistungsgesellschaft“ steigt das Bedürfnis nach innerer Ruhe und spiritueller Erkenntnis. In welchem Verhältnis stehen Spiritualität und Religion zueinander?

Was ist Religion?

Das lateinische Wort „religio“ bedeutet ursprünglich „Sorgfalt“,„Gewissenhaftigkeit“ und „Achtsamkeit“, aber auch „Gottesfurcht“ und „Frömmigkeit“. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist „Religion“ mit einer kirchlichen Institution eng verbunden. Zu einer Religion gehört der Glaube an Gottheiten oder an eine spirituelle Welt, die menschliches Fühlen, Denken und Handeln prägen und auch in Wertvorstellungen Ausdruck finden.
„Religion“ ist ihrer Natur nach keine Privatangelegenheit, sondern ein Normen setzendes System, das auf die Erhaltung überkommener Werten setzt. Gegenüber den Angehörigen der Glaubensgemeinschaft werden Gebote und Verbote ausgesprochen, deren Infragestellen mit der Zugehörigkeit zu einer Religion nicht vereinbar ist. Insbesondere verfügen Religionen über bestimmte Vorstellungen über das Geschehen nach dem Tod (z. B. Wiedergeburt, Belohnung und Bestrafung oder die Existenz von Himmel und Hölle). Die gemeinsamen Wertvorstellungen vermitteln den Gläubigen ein Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Sicherheit.
Religionen beziehen sich zumeist auf eine Gründungs-Persönlichkeit und verfügen über eine namensgebende kirchliche Institution, die in der Regel hierarchisch und autoritär aufgebaut ist und allenfalls in begrenztem Umfang über demokratische Organisationselemente verfügt.
Eine Kirche besteht zudem aus einer in sich geschlossenen Gemeinschaft. Die starke Identifikation der Gläubigen mit den mit ihrer Religion verbundenen Vorstellungen führt zu einer klaren Abgrenzung von anderen Glaubensbekenntnissen.

Was bedeutet Spiritualität?

Der Begriff Spiritualität beschreibt im weiteren Sinn eine auf Geistiges jeder Art bezogene Aktivität und im engeren Sinn eine religiös ausgerichtete Haltung.
Spiritualität bezieht sich also nicht zwingend auf Religionen, Dogmen oder Rituale. Im Unterschied zu einer öffentlich und sozial wirksamen Religion besitzt (die in einem umfassenden Sinn verstandene) Spiritualität einen individuellen und privaten Charakter.
Menschen, die zufrieden in sich ruhen, verspüren kaum das Bedürfnis, einen bestehenden Zustand zu hinterfragen.

Wodurch unterscheiden sich Spiritualität und Religion?

Spiritualität wurzelt wie die Religion in einem Wunsch nach Verbundenheit, Einheit und Geborgenheit. Während religiöse Menschen jedoch nur durch einen festen Glauben innere Sicherheit im Leben und Erlösung nach dem Tod finden, strebt Spiritualität bereits im Diesseits nach Erkenntnisgewinn aufgrund eigener Erfahrungen. Spirituelle Menschen lehnen ein bis zum Tod dauerndes Warten auf göttliche Erkenntnis ab. Auf dem Weg der Spiritualität gewonnenes Wissen lässt Klarheit, Vertrauen und eine enge Beziehung zur Natur entstehen.
Von den Angehörigen einer Religion wird vorbehaltloses Vertrauen in ihre Kirchenführer sowie die strikte Beachtung religiöser Glaubenssätze erwartet. Die Unterwerfung unter die Dogmen einer Glaubensrichtung erfolgt auch dann, wenn sich religiöse Leitsätze nicht durch eine naturwissenschaftliche Beweisführung untermauern lassen. Dagegen bemühen sich spirituelle Menschen um die Entwicklung inneren Wissens in Eigenverantwortung. Spiritualität verlässt sich nicht auf von außen übernommene Vorgaben.
Spiritualität weist enge Verbindungen zu mystischen Vorstellungen auf. Mystische Erfahrungen überschreiten Raum und Zeit und vermitteln unter Überwindung der Grenzen des eigenen Ichs Glücksgefühle. Für die christlichen Religionen hat Mystik eine geringere Bedeutung. An ihre Stelle tritt eine durch den Verstand geprägte Theologie.

Was spirituelle Menschen an der Religion kritisieren

Kritiker religiöser Vorstellungen bemängeln, dass Religion vornehmlich auf der Angst vor allem Unbekannten beruhe. Vor dem chaotisch Ungeordneten solle eine Gottesfigur behüten, der man sich anvertraue. Spiritualität ermögliche es hingegen, die Wahrnehmung des Universums zu gestalten, die im hier und heute über Glücks- und Unglücks-Empfindungen entscheide.
Spirituelle Menschen vertreten die Auffassung, dass sich eine wache und lebendige Spiritualität auf die Gegenwart, auf den jetzigen Augenblick beziehen müsse. Wer einer Religion folge, der gebe sich einem Schlummer-Zustand und ungewissen Versprechungen für die Zukunft hin, verlasse sich auf die Erkenntnisse einer externen religiösen Autorität und verzichte auf den jedem Menschen innewohnenden intuitiv-spirituellen Spürsinn.
Während Spiritualität rastlos nach größerem Wissen und immer tieferem Verständnis strebe, neige die Religion zur Aufrechterhaltung statischer Dogmen und behindere damit ein fortdauerndes inneres Wachstum der Gläubigen. Spiritualität sei mit einer kontinuierlichen Weiterentwicklung verbunden, während Religion die Möglichkeiten des menschlichen Geistes begrenze.

Was Spiritualität und Religion schließlich doch zusammenführt

Jede Religion geht auf spirituelle Erfahrungen ihres Gründers zurück. Die Unterschiede zwischen den Religionen basieren auf den individuellen spirituellen Erkenntnissen des Religionsstifters. Spiritualität ist daher notwendigerweise ein alle Religionen verbindendes Gründungselement. Darüber hinaus ist Spiritualität ein essentieller Bestandteil jeder Religion während der Dauer ihrer Existenz. Religion unterscheidet sich von einer reinen Spiritualität durch einen Überbau aus hierarchischen, gesellschaftlichen und soziologischen Elementen. Spiritualität ist jedoch auch ohne Bezug zu einer bestimmten Religion oder aber religionsübergreifend möglich. Trotz aller Unterschiede weisen Glaube und Spiritualität im Alltagsleben überwiegend Gemeinsamkeiten auf: Sowohl spirituelle als auch religiöse Menschen glauben an eine höhere Instanz. Gläubige Menschen praktizieren ihre Religion oft mit großer Intensität und nähern sich damit der Spiritualität an.